Wissenswertes
Homo heidelbergensis
Der 1907 in Mauer bei Heidelberg gefundene Unterkiefer machte die Stadt zum Namenspaten einer ganzen Menschenart der Frühgeschichte.
Ein Unterkiefer aus der Sandgrube
Am 21. Oktober 1907 stieß der Arbeiter Daniel Hartmann in einer Sandgrube bei Mauer, rund zehn Kilometer südöstlich von Heidelberg, in etwa 24 Metern Tiefe auf einen menschlichen Unterkiefer. Der Fund war kein Zufall im engeren Sinn: Der Heidelberger Anthropologe Otto Schoetensack hatte die Grubenarbeiter seit Jahren gebeten, auf Knochen zu achten.
Schoetensack beschrieb den Kiefer 1908 wissenschaftlich und gab ihm den Namen, unter dem er bis heute geführt wird: Homo heidelbergensis. Das Original, meist "Mauer 1" genannt, gehört zur Universität Heidelberg.
Warum der Fund so wichtig war
Der Kiefer ist massiv, kinnlos und trägt gleichzeitig auffällig menschlich wirkende Zähne. Diese Mischung machte ihn zum Schlüsselstück für eine Frage, die um 1900 offen war: Wie sah der Vorläufer aus, aus dem sowohl der Neandertaler als auch der moderne Mensch hervorgingen?
Heutige Datierungen setzen den Fund auf ungefähr 600.000 Jahre. Er ist damit eines der ältesten Zeugnisse menschlicher Besiedlung in Mitteleuropa - und der Grund, warum eine Menschenart weltweit den Namen einer 160.000-Einwohner-Stadt am Neckar trägt.
Wo man dem Fund heute begegnet
In Mauer selbst zeigt ein kleines Museum den Fundzusammenhang und einen Abguss des Kiefers; die Fundstelle ist als Geotop ausgewiesen. In Heidelberg begegnet der Name eher beiläufig, in Vorlesungsverzeichnissen und Sammlungsbeständen der Universität.
Der Artname wird in der Forschung bis heute diskutiert: Welche Fossilien man ihm zurechnet und wie scharf er sich gegen Nachbararten abgrenzen lässt, ist nicht abschließend geklärt. Der Kiefer aus Mauer bleibt davon unberührt - er ist der Typusfund, an dem sich alles andere messen muss.
